Starten und Landen am dritten Berliner Flughafen

Militärhistorisches Museum in Gatow feiert – Umfangreiche Sanierung beginnt

Berlin, 5. August (ssl) Am 1. und 2. September soll es so weit sein: Auf einem weiteren Berliner Flughafen darf gestartet und gelandet werden. Beim traditionellen Flugplatzfest am Militärhistorischen Museum (MHM) in Berlin-Gatow dürfen echte Maschinen starten und landen. Das Museum steht mitten in einem umfangreichen Sanierungsprozess, für den die wissenschaftliche Leiterin des Museums, Doris Müller-Toovey, verantwortlich zeichnet.

Verantwortet die Sanierung: Doris Müller-Toovey, die wissenschaftliche Leiterin des Militärhistorischen Museums Berlin-Gatow. © für alle Fotos: Thomas Rietig

Das Flugplatzfest, bei dem Gatow für zwei Tage wieder zum Start- und Landeplatz wird, bringt seit Jahren am ersten Septemberwochenende an die 10.000 Flugzeugenthusiasten, Luftwaffen-Veteranen, Familien, Zivilisten, Anwohner und Soldaten zusammen.

Veteranen auf dem Flugplatzfest 2016.

Für Müller-Toovey ist es wichtig, „um unser Museum bekannter zu machen beziehungsweise im öffentlichen Bewusstsein lebendig zu halten“. Die Neukonzeption erarbeitet sie gerade. „Sie umfasst sowohl die Sanierung alter gEbüde als auch die Konzeption neuer Ausbildungsbereiche.“ Dazu bietet das Fest die Möglichkeit, echte historische Flugzeuge so nah wie selten bei Start und Landung zu erleben.

Von Beate Uhse bis zur Queen

Das Flugfeld hat eine gewichtige Rolle in der jüngeren Berliner Geschichte gespielt. Hier starteten und landeten berühmte Fliegerinnen und Fluggäste, darunter Queen Elizabeth II. 1935 wurde der Flugplatz Gatow am Westrand Berlins erbaut. Das heutige Gelände der Kaserne und des Museums beherbergte die Lufttechnische Akademie und die Luftkriegsschule, und auf der anderen Seite des Kladower Damms, wo heute das Krankenhaus Havelhöhe ist, befand sich die Luftkriegsakademie des Dritten Reiches. Die später mit ihrem Sex-Versandhaus berühmt gewordene Beate Uhse war Jagdfliegerin der Nazi-Luftwaffe und floh 1945 von hier aus mit einer der letzten Maschinen aus dem umkämpften Berlin.

Später übernahm die britische Besatzungsmacht den Flughafen. Die Queen landete hier, wenn sie der geteilten Stadt einen Besuch abstattete. Von der britischen Präsenz zeugt noch der Berliner Golf Club Gatow gleich nebenan, der von den Besatzern als British Golf Club gegründet wurde. Am Fluggelände selbst und den zugehörigen Gebäuden änderten die „Tommies“ wenig, aber noch heute weithin Sichtbares: Sie setzten die Kanzel auf das Towergebäude und errichteten vor Hangar 4 zwei Antennentürme, unter deren Hauben sich Aufklärungsgerät verbarg. Damit „horchten“ sie tief ins sowjetische Einflussgebiet hinein, das bis zur Wiedervereinigung in Sichtweite des Flughafens begann.

Kitas, Siedlung, Luftwaffen-Inspekteur

Ein Teil des ehemaligen Flughafengeländes ist jetzt mit einer Einfamilienhaus-Siedlung, Schulen, Kitas und Supermärkten bebaut. Auch die Ausbildungsstätte der NS-Luftwaffe ist jetzt teilweise Wohngelände, Bundeswehrschule, Krankenhaus und eine Kaserne, in der der Luftwaffeninspekteur der Bundeswehr seinen Sitz hat. Die Piste ist auf 830 Meter Länge geschrumpft, was aber zahlreichen Maschinen bis hin zum Transall-Frachter noch problemlos Starts und Landungen ermöglicht. Die Transall auf dem Freigelände ist denn auch tatsächlich mit eigener Kraft „ins Museum geflogen“.

Vor dem Aufsetzen in Gatow: Eine Do 28 der Luftwaffe

Der eigentliche Flughafen präsentiert sich weitgehend unverändert wie in den Vierzigern des vorigen Jahrhunderts. Nachdem die Briten das Gelände bei ihrem Abzug 1994 an die Bundeswehr übergaben, überführte diese das bis dahin in Hamburg-Appen untergebrachte Luftwaffenmusem nach Gatow. Es sind etwa 240 Flugzeuge aller Art, darunter auch Wehrmachts-Maschinen und eine CASA 2.111, ein zweimotoriger spanischer Lizenzbau des „Standardbombers“ Heinkel He-111 der Wehrmacht, so dass Müller-Toovey nicht ohne Stolz von „einer der größten blockübergreifenden Sammlungen der militärischen Luftfahrt“ spricht, also von Geräten aus dem Ostblock und dem Westen. Das ist der Wiedervereinigung geschuldet, mit der die Luftstreitkräfte der Nationalen Volksarmee der DDR Teil der Bundeswehr wurden.

Der spanische Nachbau der He-111 in der aktuellen MHM-Ausstellung.

Herkulesaufgabe Sanierung

Die Museumsleitung hat mit der Sanierung eine Herkulesaufgabe vor sich, die sicher mindestens ein Jahrzehnt dauern wird. Es geht darum, eine Museumskonzeption umzusetzen, die wissenschaftlichen Standards gemäß ist und neben dem allgemeinen Bildungsziel auch Soldaten zur historischen Weiterbildung dienen kann. Die Gebäude müssen renoviert und den Standards und Vorschriften des 21. Jahrhunderts angepasst werden. Vor allem müssen auch die Flugzeuge im Freigelände vor dem Verfall bewahrt werden. „Viel zu viele stehen draußen“, klagt Müller-Toovey. „Das tut ihnen nicht gut.“ Das Areal ist als Ensemble denkmalgeschützt. „Viel werden wir daher über die Sanierungsarbeiten hinaus nicht dazu bauen.“

Jagdflieger im Freigelände

Aber der Museumseingang soll dann doch etwas mehr hermachen als jetzt, da er aus einer Schranke, dem klassischen schwarz-rot-goldenen Wärterhäuschen und Containern besteht. Gleich gegenüber steht ein skurriler transportabler Ein-Mann-Bunker aus Beton. Man weiß ja nie… Während die Wege auf dem Gelände durchaus einiges an Laufpensum erfordern – Fahrräder und Skates sind ausdrücklich erlaubt -, ist es vom Eingang nicht weit zum Hangar 4 mit den beiden Horchtürmen. Dort soll in acht Jahren die Hauptausstellung aufgebaut sein.

Ein Einmannbunker. Oben die Öse für den Kranhaken. Im Hintergrund der derzeitige provisorische Eingangsbereich des MHM

Wie diese einmal aussieht, erkennen die Besucher schon heute im Hangar 3, der später temporären Ausstellungen vorbehalten sein soll. An den Schaustücken wird erläutert, wie es zur relativ jungen Form des Luftkriegs als Teil militärischer Auseinandersetzungen kam. Der edle „Menschheitstraum vom Fliegen“ verlor bereits wenige Jahre, nachdem er Wirklichkeit geworden war, seine Unschuld, als sich im Ersten Weltkrieg abzeichnete, welchen Einfluss Flugzeuge auf den Ablauf gewalttätiger Auseinandersetzungen haben. „Wir können Militärgeschichte nicht getrennt von der übrigen Geschichte sehen“, sagt die Historikerin Müller-Toovey. „Sie ist Teil der politischen Geschichte Deutschlands und Europas.“

Fake News um Hangar 9 und 10

Am westlichen Ende des Geländes stehen die geschlossenen Holzbauten der Hangars 9 und 10. Sie grenzen direkt an einen viel benutzten Schulweg der umliegenden Wohnbevölkerung, aber kaum jemand hatte je Zugang zu ihnen. So entstand in Gatow und Kladow die Fama, dort würden Einrichtungs- oder andere Gegenstände aus jener Spandauer Kaserne aufbewahrt, in der der Kriegsverbrecher und Stellvertreter Adolf Hitlers, Rudolf Heß, bis zu seinem Selbstmord 1987 gefangengehalten wurde. „Quatsch“, räumt Müller-Toovey mit dem Gerücht auf. „Die sind leer. Sie sind zurzeit einsturzgefährdet und sollen hergerichtet werden, sobald wir Geld dafür haben.“ Dort kommen dann einige der jetzt noch im Freien darbenden Ausstellungsstücke hinein.

Sicher draußen stehen bleiben wird eines der größeren Flugzeuge des Museums, eine Douglas DC-3 „Dakota“ der australischen Luftwaffe, die die Bedeutung Gatows als Stützpunkt der Luftbrücke 1948-49 auf Berliner Seite symbolisiert. Zurzeit zeigt das Museum gerade eine Ausstellung „Ein Dackel namens Dakota“ über die legendäre Solidaritätsaktion der Westalliierten gegen die Blockade der Sowjetunion zu Beginn des Kalten Krieges. Auch das ist ein Beitrag zum Verständnis der Geschichte des Westens und zur Erklärung, warum Multilateralismus für den Frieden so wichtig ist. Es ist nicht nur Müller-Toovey ein Anliegen, dass sich möglichst viele Menschen beim Flugplatzfest auch diese Ausstellung anschauen können.

Eine Breguet Atlantic, ein High-Tech-Seefernaufklärer der NATO, bei der Bundesmarine von 1966-2010 im Einsatz. Im Hintergrund die einstigen Horchtürme der Briten in Gatow.

Museums-Website: www.mhm-gatow.de

Öffnungszeiten: Dienstags bis Sonntags 10 bis 18 Uhr. Eintritt frei.