Kolonialschicksale und Exil-Leid, aber auch Bestseller und ein Krimi

Meine Lektüre im Herbst 2025 – Folge 19 des Lesetagebuchs

Berlin, Oktober 2026 (ssl) Nach einer Pause von knapp einem Jahr ist es mal wieder Zeit, mein Lektüre-Protokoll auf Vordermann zu bringen. Zunächst kommt die Lektüre aus dem Herbst 2025. Die Palette ist sehr breit, sodass mir kein übergreifendes Thema eingefallen ist. Die Lektüre reicht von Überraschungsfunden aus meiner eigenen Bibliothek bis hin zu erfüllten Wünschen zu üblichen Anlässen. Anregungen zum Weiterlesen sind reichlich gegeben.

Liebe Verlage, wenn Sie hier auch erscheinen wollen – nur zu. Senden Sie mir Ihr Programm: thomas.rietig@rsv-presse.de Ich bestelle garantiert nur Rezensionsexemplare, von denen ich mir Lesegenuss verspreche. Jedes davon bekommt eine eigene Besprechung von ca. 3.000 bis 5.000 Zeichen plus Buchdeckelbild und eine Kurzrezension in der Zusammenfassung. Zur Systematik (oder besser gesagt: Anarchie) der Buchauswahl finden Sie etwas am Ende des Posts.

(166) Ehmke, Horst: Himmelsfackeln. Kriminalroman

Gelesen als: Frankfurt: Eichborn Verlag 2001. Gebunden, 301 Seiten. ISBN 3-8218-0876-4.

Heute erhältlich: Antiquarisch. Gab es auch als Taschenbuch.

Über den Autor: Ehmke (1927 Danzig – 2017 Bonn) war Staatsrechtler und Politiker. Als einflussreicher SPD-Politiker bekleidete er zwischen 1969 in der ersten sozialliberalen Bundesregierung vier Ministerien, unter anderem das des Chefs des Bundeskanzleramts, wo ihm auch die Geheimdienste unterstanden. Er gilt als einer der Architekten der deutschen Einheit. Nach seiner politischen Karriere schrieb er fünf Politthriller. „Himmelsfackeln“ ist der dritte.

Inhaltsangabe: Nach dem Mord an einem Berliner Islamprofessor geraten die Aufklärer in ein internationales Netzwerk von Waffen- und Drogenhändlern auf dem Balkan und in der Türkei.

Anlass der Lektüre: Wiedergelesen.

Bewertung: Spannend. War genau das richtige nach all den Sachbüchern. An der Unterbelichtung (aus heutiger Sicht) der rechten Waffendealer-Szene und an den manchmal etwas übertrieben anmutenden Action-Szenen gegen Ende merkt der Leser, dass das Buch bereits 20 Jahre alt ist. Der Autor kennt sich mit den Hintergründen geheimdienstlicher Arbeit aus – wen wundert’s?

(167) Ackroyd, Peter: London. Die Biographie. Aus dem Englischen von Holger Fliessbach

Gelesen als: München: Albrecht Knaus GmbH 2002. 800 Seiten, gebunden, Schutzumschlag, Lesezeichen. Zahlreiche farbige und schwarz-weiße Abbildungen und Karten. ISBN 9-783-8135-501896.

Heute erhältlich als: Paperback, 978-3-570-55488-3, 28,– €

Über den Autor: Ackroyd (*1949 London) studierte Literaturwissenschaft in Yale und Cambridge und arbeitete viele Jahre für den „Spectator“ und die „Times“. Er veröffentlichte zahlreiche Romane und Biographien und erhielt den Somerset Maugham Award, den Guardian Fiction Prize und den Whitbread Award. (Klappentext).

Inhaltsangabe: Ausführliche Geschichte der englischen Hauptstadt. Von den vorzeitlichen Anfängen über Invasionen der Römer und der Sachsen bis hin zur Umgestaltung der Docklands zu einem global agierenden Dienstleistungszentrum lässt Ackroyd in dem sehr dicken Buch kaum etwas aus. Vor allem zeichnet er Psycho- und Soziogramme der Bewohnergruppen von ärmsten Bettler über die Hexe bis zum Pendler des 20. Jahrhunderts und der Finanzelite.. Die Entwicklung Londons stellt er als wesentlich von Spontaneität bestimmt dar, große Projekte der Stadtentwicklung seien meist an praktischen und vor allem am absoluten Primat des Kommerzes gescheitert oder verkleinert worden. Wenig erfährt man allerdings über den Einfluss der adligen Oberschicht. Logischerweise kommt der Brexit nicht vor. Aber auch der Einfluss der Hanse fehlt.

Anlass der Lektüre: Zum zweiten Mal gelesen, bevor es aus meinem Bestand gestrichen wird.

Bewertung: Spannend ist das Buch nicht, aber es liest sich trotzdem gut. Wer Stadtentwicklung verstehen will, ist mit den Schilderungen der teils apokalyptischen Katastrophen gut bedient, die gerade in London diese Entwicklung immer wieder unvorhersehbar beeinflusst haben. Die Ausführlichkeit hat zur Folge, dass man etwa die Gerüche, die die Stadt bestimmten, nahezu nachvollziehen kann. Der völlige Verzicht auf die glamouröse Seite Londons, das immerhin seit nahezu zwei Jahrtausenden Residenzstadt ist, stört unter dem Strich doch ein wenig, auch wenn darüber anderswo sicher genug geschrieben wurde. (Ackroyd hat u.a. auch ein Buch über die Tudors geschrieben.)

(168) Parzyk, Gordon, Rettig, Wilfried: Die Voigtländische Staatseisenbahn

Gelesen als: Plauen: Sachsendruck und Verlag GmbH 1990. Herausgeber: Deutsche Reichsbahn. Großformat, broschiert, 154 Seiten, zahlreiche Schwarzweiß-Bilder, Lageplan des Bahnhofs Eger (heute Cheb) im Format ca. DIN A 1 gefaltet als Anlage.

Heute erhältlich: Nur noch antiquarisch (1x im Internet gefunden für 119 Euro!)

Über den Autor: Wilfried Rettig (*5. Dezember 1942 in Dorfstadt) ist ein deutscher Eisenbahningenieur und Autor zur Eisenbahngeschichte des Vogtlandes und der Oberlausitz. Rettig studierte zunächst an der Hochschule für Verkehrswesen in Dresden, sein Studium schloss er 1967 als Diplom-Ingenieur ab. Danach war er bis 1991 bei der Deutschen Reichsbahn in der Forschung und Entwicklung beteiligt. Ab 1991 war er in der Versuchsanstalt Minden der Deutschen Bundesbahn bzw. später bei der DB Systemtechnik tätig. (Q: https://de.wikipedia.org/wiki/Wilfried_Rettig ) Über Gordon Parcyk habe ich nichts gefunden.

Inhaltsangabe: Die Geschichte der Voigtländischen Staatseisenbahn (bei ihrer Gründung 1865 wurde das Vogtland noch mit dem stimmlosen i geschrieben), die wegen der Grenzüberschreitung zwischen Deutschland und dem heutigen Tschechien und der Vielfalt der deswegen zu berücksichtigenden Gesetze, Ordnungen und Konkurrenzsituationen vor der Verstaatlichung zahlreiche Besonderheiten ausweist.

Anlass der Lektüre: Im Bücherregal gefunden.

Bewertung: Ursprünglich nur gelesen, um es anschließend wegzuwerfen. Aber als ich den antiquarischen Preis gesehen habe und mich eingelesen hatte, beschloss ich, es zu behalten. Es ist voller Material über Anlage, Bau und Schicksal von Haupt- und Nebenbahnen durch die oft dramatischen Ereignisse zwischen 1860 und 1990. Am Anfang ihrer Geschichte traf sich die Bahn in Eger mit k.u.k.Bahnen, bayerischen und böhmischen Eisenbahnen, wovon der hochkomplizierte Gleisplan der Stadt ein deutliches Zeugnis ablegt. Für Eisenbahnfans enthält es sehr viele Lagepläne großer und kleiner Bahnhöfe und Fotos von Bauten und Rollmaterial aller Art. Das Buch konnte dem Vorwort zufolge nur wegen der Wiedervereinigung und der damit verbundenen (weitgehenden) Abschaffung der Zensur und der ideologischen Beurteilung von Presseerzeugnissen vor ihrer Veröffentlichung erscheinen.

 

(169) Collin, Philippe: Der Barmann des Ritz. Roman. Aus dem Französischen von Amelie Thoma.

Gelesen als: Berlin: Insel Verlag Berlin 2025. Gebunden, Schutzumschlag, 450 Seiten, zahlreiche Schwarzweiß-Abbildungen. ISBN 978-3-458-64512-2. 25,– €

Über den Autor: Collin (*1975 Brest) ist en französischer Journalist und Radiomoderator. Er studierte Geschichte und ist nun als Kulturredakteur tätig. Der Barmann des Ritz ist sein erster Roman. (Klappentext)

Inhaltsangabe: Den Titelhelden Frank Meier, einen renommierten Barmann mit jüdischen Wurzeln in einem der berühmtesten Pariser Hotels, gab es wirklich. Collin fiktionalisiert sein Wirken im Ritz. Das war während der deutschen Besetzung der französischen Hauptstadt von 1940 bis Kriegsende ein Treffpunkt der Wehrmachts- und SS-Elite, aber auch prominenter Kollaborateure und von Menschen, die sich ihr gutes Leben durch den Krieg nicht verdrießen lassen wollten. Ihre äußeren und inneren Konflikte und wie sie sich mal erfolgreich, mal mit Todesfolge, durchzuwurschteln versuchten, thematisiert das Buch.

Anlass der Lektüre: Passt zu einem meiner derzeitigen literarischen Recherchegebiete, dem Frankreich des 20. Jahrhunderts. Wunschgeschenk.

Bewertung: Es ist in gewisser Weise ein Roman-Pendant und die Vorgeschichte zum Film „Casablanca“, nur dass hier auch die handelnden Personen und nicht nur das Umfeld historisch und nicht erfunden sind. Abgesehen von der Faktenfülle trotz all der Dialoge ist „Der Barmann des Ritz“ eines dieser Bücher, bei dem man bedauert, dass man es so schnell durchgelesen hat, weil man nur sehr schwer unterbrechen kann. Am Ende des Buches hilft ein ausführlicher Anhang bei der geschichtlichen Einordnung. Mancher würde sich darauf einen Hinweis am Beginn des Buches gewünscht haben.

(170) Boyle, T.C.: No Way Home. Roman. Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren

Gelesen als: München: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG 2025. 382 Seiten. Gebunden, Schutzumschlag, Lesezeichen. ISBN 978-3-446-28423-4. 28 €

Über den Autor: TC Boyle (*1948 Peekskill, New Jersey) ist einer der bekanntesten zeitgenössischen US-Schriftsteller. Mehr als andere seiner Landsleute hat er in Deutschland eine sehr große Fangemeinde, zu der auch ich seit „World‘s End“ (1992) zähle.

Inhaltsangabe: Nach dem Tod seiner Mutter zieht ein Arzt aus Los Angeles in eine Kleinstadt iin Nevada, um den Nachlass seiner Mutter zu ordnen Er besteht im wesentlichen aus einem Haus, einem Auto und einem Hund. Schon am ersten Abend wird er von einer Frau vereinnahmt, die sogleich bei ihm einzieht und ihn in ein Eifersuchtsdrama mit ihrem Ex verwickelt, das ausartet und dabei die gesamte Tristesse der amerikanischen Mittelschicht auf dem Land offenbart.

Anlass der Lektüre: Neuerscheinung eines zeitgenössischen US-Autors, dessen Bücher ich gerne lese.

Bewertung: Gute Laune macht das Buch nicht. Trocken wie immer beschreibt Boyle moderne Racheaktionen, die offenbaren, wie sehr sich das Leben verderben lässt, wenn man zu sehr seinen Gefühlen nachgibt und nicht viel Besseres zu tun hat. Der Klimawandel und seine negativen Folgen sind subkutan immer präsent. Der Titel erschließt sich dem Leser erst im letzten Satz. Vielleicht ein bisschen zu viel Kulturpessimismus, aber wir haben es ja so gewollt.

(171) Ohlsen, Manfred: Der Eisenbahnkönig Bethel Henry Strousberg. Eine preußische Gründerkarriere

Gelesen als: Berlin (DDR): Verlag der Nation 1987, 2. Auflage. Gebunden, Schutzumschlag, 352 Seiten, zahlreiche SW-Abbildungen.

Über den Autor: Ohlsen (*1934 Berlin- ????) machte eine Lehre als Maschinenschlosser und die Reifeprüfung an der ABF (Arbeiter- und Bauern-Fakultät). Nach einem Geschichtsstudium an der Humboldt-Universität arbeitete er im Museumswesen“. 1971 Dr. phil. Er veröffentlichte unter anderem 1980 eine Flick-Biographie unter dem Titel „Milliarden für den Geier“. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Strousberg-Biographie war er stellvertretender Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin. (Q: Klappentext)

Inhaltsangabe: Biographie des legendären Gründerzeit-Spekulanten Strousberg, der zu einem der wohlhabendsten Männer des Deutschen Reiches wurde, aber den größten Teil seines Vermögens wieder verlor und bei der Reichsregierung in Ungnade fiel. Dennoch sind ihm allein in Deutschland rund 1300 Kilometer Eisenbahnstrecke zu verdanken. In Russland musste er sogar ins Gefängnis wegen Bestechung von Bankiers.

Anlass der Lektüre: Stand ungelesen im Bücherregal.

Bewertung: Sehr aufschlussreiches Buch über die fragwürdigen Geschäfts- und Finanzpraktiken der Gründerjahre im 19. Jahrhundert, die mit der Zeit der Reichseinigung und zahlreichen Kriegen und dem Leben und Wirken von Marx und Engels zusammenfielen. Trotz seiner markanten DDR-Biografie verfällt der Autor nur selten, vielleicht nur alibihaft, in die Diktion des historischen Materialismus, sondern kann Strousberg sogar Positives abgewinnen.

(172) McEwan, Ian: Was wir wissen können. Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben.

Gelesen als: Zürich: Diogenes Verlag AG 2025. Gebunden, Schutzumschlag, 484 Seiten. ISBN 978-3-257-07357-7. 28,– €

Über den Autor: McEwan *1948 Aldershot (UK), lebt bei London. Er studierte englische und französische Philologie in University of Sussex und der University of East Anglia und landete einen ersten Welterfolg mit „Abbitte“ (2001). McEwan ist vielfach mit hohen britischen Literaturpreisen ausgezeichnet worden, u.a. Mitglied der Royal Society of Literature, der Royal Society of Arts und der American Academy of Arts and Sciences und Träger der Goethe-Medaille. (Q: https://de.wikipedia.org/wiki/Ian_McEwan)

Inhaltsangabe: Der Roman ist streng zweigeteilt. Im ersten Teil, der im Jahr 2119 spielt, forscht ein britischer Literaturwissenschaftler nach einem verloren gegangenen, aber angeblich noch erhaltenen Gedicht aus dem Jahr 2014. Er findet ein Tagebuch einer der Protagonistinnen der Szene um den Verfasser des Gedichts. Der zweite Teil besteht aus diesem Tagebuch und klärt über das Schicksal des gesuchten Manuskripts auf. Kombiniert sind beide Teile mit menschlichen Schicksalen der jeweiligen Epochen.

Anlass der Lektüre: Vorgestellt in der „Druckfrisch“-Sendung Denis Schicks, der es positiv bewertete.

Bewertung: Dieser Bewertung schließe ich mich gerne voll an. Es tut gut, mal wieder einen perfekten Roman zu lesen, der das Zeug zu einem Klassiker hat. Nicht ohne die wahrscheinliche klimapolitische Realität der kommenden Jahrzehnte außer Acht zu lassen, ironisiert McEwan den klassischen Literaturbetrieb, die Produktion und die einschlägige Forschung. Dabei geht er von der wunderbare Satire ermöglichenden, nicht unrealistischen Prognose aus, dass sich in letzterer auch mit den Umwälzungen der Zukunft wenig ändern wird. Man muss kein Literaturwissenschaftler sein, um sich bei aller Dramatik des Geschehens während der Lektüre zu amüsieren.

(173) Joyce, James: Die Toten. Erzählung. Deutsch von Georg Goyert

Gelesen in ders.: Dubliner. Erzählungen, Seite 193-247. Frankfurt(M): Suhrkamp Verlag 1967 [Edition Suhrkamp Nr. 200]. Gebunden, Schutzumschlag.

Heute erhältlich: Das von mir gelesene Buch ist nur noch antiquarisch erhältlich. Es gibt aber mehrere aktuelle Ausgaben. Ich empfehle die von Dieter E. Zimmer übersetzte, die ebenfalls bei Suhrkamp erschienen ist. (ISBN 978-3518389546)

Über den Autor: Joyce (1882 Dublin -1941 Zürich) ist einer der wichtigsten und einflussreichsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Am bekanntesten, wenngleich nicht am meisten gelesen, ist sein epochemachendes Werk „Ulysses“, das schonungslos einen Tag im Leben eines Mannes der Unterschicht in Dublin beschreibt. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend, zog Joyce früh auf den Kontinent und lebte unter anderem in Triest, Paris und Zürich. „Ulysses“ wurde 1922 nur publiziert, weil die Inhaberin der Pariser Buchhandlung „Shakespeare & Company“, Sylvia Beach, nach der Ablehnung durch andere Verlage einsprang. Die Ablehnung wurde mit angeblicher Obszönität begründet. Wenig später galt es, zusammen mit Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ und Thomas Manns „Zauberberg“ als eines der drei richtungweisenden Werke für den modernen europäischen Roman. Joyce, Zeit seines erwachsenen Lebens Alkoholiker, starb in Zürich 1941.

Inhaltsangabe: Eine Familienfeier voller banaler Gespräche wird zu einer Abrechnung mit der Heuchelei in der irischen (zu lesen: wie auch in anderen europäischen Gesellschaften) zeitgenössischen Mittelschicht, verbunden mit der Entwicklung dramatischer Eifersuchtsszenen.

Anlass der Lektüre: Die Kurzgeschichte wird in „Was man wissen könnte“ (siehe oben #172) erwähnt. „Dubliners“ stand im Regal, zuletzt in den 1960er Jahren gelesen.

Bewertung: „Dubliners“ ist eine Sammlung von 15 Kurzgeschichten, „Die Toten“ gilt als Weltklasse wegen der Entwicklung des inneren Monologs. Wie gut sie ist, merkt der Leser etwa daran, dass sich auch gut 100 Jahre nach der geschilderten Familienfeier nur wenig an der Oberflächlichkeit dort geführter Dialoge geändert hat.

(174) Trost, Gerhard: Kleine Eisenbahn ganz groß.

Gelesen als: Berlin (DDR): Verlag Neues Leben 1957. 2. Auflage 1958. 324 Seiten, Halbleinen, Schutzumschlag, zahlreiche Abbildungen und Grafiken schwarzweiß und farbig. EVP DM 14,80

Heute erhältlich: Nur antiquarisch, zwischen 3,– und 35,– Euro bei unterschiedlichen Anbietern.

Über den Autor: Ich habe nichts gefunden, was Aufschluss über die Biografie des Autors gibt, außer dass er mehrere Bücher zur Modelleisenbahn verfasst hat.

Inhaltsangabe: Ein Lehrbuch für Modellbahner, das ihnen von der Schiene auf erklärt, wie die kleine, aber insbesondere auch die große Eisenbahn funktioniert. Einfühlsam und verständlich geschrieben, nimmt der Autor Rücksicht auf die mutmaßliche Haushalts- und Wohnungssituation in der DDR der 1950-er Jahre. Trost legt in der Regel von mietskasernengerechte Anlagengrößen für seine Anleitungen zugrunde, ebenso wie er, wo immer möglich, preisgünstige Herstellungsmethoden vom Selbstbau der Gleise bis hin zu einfachen Mitteln der Herstellung von Modelllandschaften angibt. Den Prosatext ergänzt er mit teils bunten, teils schwarzweißen Fotos, Zeichnungen, Grafiken und drei Gleisplänen. Am Ende des Buches listet er sogar seitenweise Händler auf, die DDR-weit Modelleisenbahnzubehör anbieten.

Anlass der Lektüre: Für zwei Euro auf einer Modellbahnbörse in Brandenburg entdeckt.

Bewertung: Das Buch muss eine Art Bibel der DDR-Modellbahnszene gewesen sein. Trost scheut sich nicht, seine Zielgruppe als „ernsthafte Modellbahner“ zu bezeichnen, ein Ausdruck, der in weiten Teilen der aktuellen Szene meist nur noch ironisch bis abwertend verwendet wird. Außerdem legt Trost oft ein Wording fest: „Es ist zweckmäßig, dass jeder Modellbahner diese Bezeichnung [Nenngröße, nicht etwa Spur oder Spurweite] benutzt.“ Was in der aktuellen Szene „Vorbild“ genannt wird, bezeichnet er gewöhnungsbedürftig, „technisch ausgedrückt, als ‚Hauptausführung‘“. Bei der Beschreibung der Traktionsarten Dampf, Elektro und Diesel kommt er nicht umhin, die Bundesbahn-V-200 als trendsetzend für Großdiesellokomotiven zu beschreiben, weil die DDR noch keine Streckendiesellok besaß.

Im Blick auf die kleine Bahn erwähnt er keinen westlichen Hersteller, wenn man von Trix absieht, der Firma, die Anfang der 1930-er Jahre die spätere Nenngröße 00, später H0 eingeführt hat, die mit dem Maßstab 1:87 zur meistgenutzten der Welt wurde und es bis heute ist.

Trost unterscheidet gerne zwischen Modellbahnern und Spielern, welch letztere wegen mangelnder Vorbildgebundenheit nicht in den Genuss der höheren Weihen der Ernsthaftigkeit kommen. Das Sammeln von Modellbahnen kommt bei ihm gar nicht erst vor.

Viel vom Wesen des Buchs und von seinen Lehren hat sich bis heute erhalten. Unter dem Strich lernt der heutige Leser nicht nur viel über die kleine und die große Bahn, selbst wenn er sich schon ein paar Jahre mit beidem befasst hat, sondern zwischen den Zeilen auch über die gesellschaftlichen Verhältnisse der Wirtschaftswunder-DDR. Er lernt allerdings nicht, dass auch Modellbahnartikel hin und wieder Mangelware waren. Der auf dem Umschlag gedruckte Preis 14,80 ist in der Einheit „DM“ angegeben, womit ich lernte, dass dies bis Mitte 1964 die offizielle Währungsbezeichnung auch für die Mark Deutscher Notenbank war. Danach hieß sie MDN, später nur noch M.

Warum ich das blogge

Warum ich das blogge? Mit „Nachhaltig lesen“ ist für mich eine neue Freizeitbeschäftigung entstanden. Sie besteht aus mehr als nur „Lesen“. Zunehmend wurde mir bewusst, dass ich nicht mehr einfach nur zum Zeitvertreib lesen und mich bestenfalls in die Welt der Handelnden oder des beschriebenen Sachgebiets hineindenken wollte. Vielmehr habe ich mir mit der selbst gegebenen Archivierungsstruktur ein bisschen Disziplin verordnet, nämlich: das Was, Wie und Warum jedes Buches zu erkennen und im Kopf mitteilungsfähig aufzuarbeiten. Am Ende hat man so tatsächlich mehr von der Lektüre. Um dem Vergessen vorzubeugen, lese ich nicht nur weiter, sondern schreibe die gewonnenen Erkenntnisse auch weiter in diesem Blog auf.

Wenn ich das schon tue, dachte ich mir weiter, kann ich das Geschriebene auch gleich in das Blog stellen, um vielleicht andere Menschen zu Lektüre anzuregen.

Die Auswahl der Bücher ist mehr oder weniger dem Zufall überlassen. Natürlich lese ich keine Bücher zu Themen, die mich überhaupt nicht interessieren, oder Romane, die mir schon vom Klappentext her nichts zu bringen scheinen. Meine Auswahl wird bestimmt durch das Bedürfnis, das Wissen in einem bestimmten Gebiet zu vertiefen. Oder (Vor-) Urteile innerhalb der Gesellschaft zu verifizieren oder zu falsifizieren. Oder die Bücher werden mir als Besprechungsexemplare angeboten. Oder Neugier. Oder eine Empfehlung oder einfach ein „Festlesen“ in einem Buch, das einem beim Nachschlagen in einem anderen auffällt. Oder ich greife mir aus meinen überfüllten Regalen eins, das ich schon immer mal lesen wollte. 

Die inzwischen mehr als 170 Bücher, die seit Pandemiebeginn bereits über meinen Nachttisch gegangen und hier beschrieben worden sind, finden Leserinnen und Leser beim Blättern durch den Blog https://www.schienestrasseluft.de

Für Anregungen und konstruktive Kritik bin ich dankbar. Falls jemand sich in irgendwelchen Rechten verletzt fühlen sollte, bitte ich vor der Einleitung rechtlicher Schritte um ein klärendes Gespräch. Probleme lassen sich bestimmt gütlich und ohne Aufwand lösen.