„Waren Sie schon mal in der Türkei?“

„Aussteigen verboten“? Passt irgendwie zur derzeitigen Stimmung im Türkeitourismus. Aufgenommen an der Berliner S-Bahn-Station Messe Nord. Fotos: Rietig

Eine Lehrstunde in Pressearbeit der türkischen Regierung

Berlin, 9. März (ssl) Nur selten haben deutsche Journalisten in diesen Tagen die Möglichkeit, türkischen Regierungsmitgliedern direkt und ohne Voranmeldung Fragen zu stellen. Am Mittwoch auf der ITB Berlin 2017 war das möglich. Es trat auf: der türkische Minister fürTourismus, Nabi Avci, flankiert von einigen Hotel- und Fremdenverkehrsverbandsfunktionären. Der gemütlich aussehende ältere Herr hatte die undankbare Aufgabe, in Deutschland für Urlaub in der Türkei zu werben.

Dazu bezeichnete er sie erst einmal als unentbehrlich. „Die deutschen und europäischen Touristen sind für die Türkei von außerordentlicher Bedeutung.“ Er würdigte „die legendäre türkische Gastfreundschaft“, die „historische Freundschaft zwischen der Türkei und Deutschland“ und erwähnte „einige Ereignisse, die die Tourismusbranche negativ beeinflusst haben“, im Jahr 2016.

Tatsächlich sind die Touristenzahlen aus Deutschland im vergangenen Jahr bereits um 23 Prozent oder fast zwei Millionen zurückgegangen. Die Türkei steht aber immer noch auf Platz drei der beliebtesten Auslandsdestinationen der Deutschen. Die meisten Urlaubsentscheidungen gegen den einstigen Primus unter den Reiseländern dürften demnach 2016 bereits gefallen sein, bevor erfolglos geputscht wurde und Präsident Recep Tayyip Erdogan auf direkten Autokratie-Kurs einschwenkte. Die Analysten machen daher auch die Furcht vor Terroranschlägen für den Einbruch verantwortlich. Sie haben wenig Hoffnung, dass sich dies im laufenden Jahr ändert, da die gegen einen Türkeiurlaub sprechenden Gründe durch die aktuelle Situation und die anhaltende Haft des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel noch verstärkt werden.

Schon in seiner Rede hatte Avci erklärt, die Türkei habe „Maßnahmen getroffen, dass wir voller Zuversicht in die Zukunft blicken können“ und „bald“ die Zahlen von 2013, 2014, 2015 wieder erreichen könnten. Die einzige Maßnahme, die er in diesem Zusammenhang nannte, war die Ausweitung der sogenannten Brennstoffzuschüsse auf nunmehr 14 Flughäfen. Für jedes Flugzeug mit weniger als 200 Passagieren gebe es 6.000, für jedes mit mehr als 200 Passagieren gar 7.800 US-Dollar.

Dann kam die Fragerunde. „Welche Maßnahmen haben Sie getroffen?“, fragte Peter Hinze. Der Journalist hatte vor kurzem ein Interview mit dem früheren TUI-Vorstand Karl Born geführt. Darin hatte Born erklärt, die Türkei sei „zur Zeit das allerletzte Zielgebiet, in dem ich Urlaub machen würde“. Der Manager, der für seine oft polarisierenden Worte bekannt ist, führte die aktuelle politische Entwicklung in Richtung Autokratie als wesentlichen Grund dafür an.

Wahre Freunde

Auf die Frage Hinzes gab Avci keine inhaltliche Antwort, sondern wies erst einmal darauf hin, dass der Journalist das Interview geführt habe, das er offensichtlich kannte. Er riet dem Fragenden, im Internet zu recherchieren. Eine Antwort, die wir aus Facebook kennen, wenn Fake-News-Verbreitern auf die Frage nach ihren Quellen nichts besseres einfällt. „Wir haben mit unseren wahren Freunden Maßnahmen getroffen“, Tja, Hinze ist wohl kein „wahrer Freund“.

Nächste Frage: Ob gegen die Türkei eine Kampagne geführt werde? Avci vermied wiederum eine direkte Antwort. Es gehe vor allem um die Perzeption (die Wahrnehmung). Aber wenn man immer wieder die guten Seiten der Türkei als Reiseland darstelle, dann werde sie auch als gut wahrgenommen. „Wenn man sie schlecht redet, wird es auch schlechter.“

Der türkische Tourismusminister Nabi Avci bei der Pressekonferenz auf der ITB Berlin 2017.

Ein paar Fragen später: Ob er garantieren könne, dass der Fragende, wenn er als Tourist in die Türkei komme, nicht festgenommen werde? Avci sagt jedenfalls nicht: „Ja“, sondern lässt sich über Garantien aus. Nächste Frage: „Wie willkommen sind deutsche Touristen in der Türkei“ nach all den Bemerkungen, die türkische Wahlkämpfer über Deutschland geäußert haben? Der Fragende vermied Anspielungen oder Gleichsetzungen mit historischen Phasen der deutschen Geschichte.

Avci antwortete mit einer Gegenfrage: „Waren Sie schon mal in der Türkei?“ Der Gefragte bejaht, die Quote der Menschen im Publikum, die noch nicht in der Türkei waren, dürfte sehr gering sein. „Sie werden natürlich mit derselben Gastfreundschaft empfangen wie immer.“ Applaus von den hinteren Reihen, wo sich das Gefolge der türkischen Offiziellen versammelt hatte. „Wenn Sie als Tourist kommen“, sprach der Minister zum Journalisten, „werden sie weiter so freundlich empfangen wie bisher.“

Etwas Vorläufiges

An dieser Stelle schaltete sich auf dem Podium Osman Ayik vom Hotelverband Türofed ein: „Die Missstimmung ist etwas Vorläufiges. Die Türkei wird niemals ihren deutschen Gästen den Rücken kehren.“

„Wann kommt Deniz Yücel frei?“

Wieder ein paar Fragen später: „Ich habe nur eine einzige Frage: Wann kommt Deniz Yücel frei?“ Ein lautes „Bravo“ vom Rand des übervollen Saals. „Ich werde mich nicht an die Stelle der Justiz stellen“, verweist Avci erwartungsgemäß auf die Gewaltenteilung. „Aber ich wünsche, dass er seine Unschuld beweist und in seine Heimat zurückkehren kann.“ Ein sehr interpretationsfähiger Satz: Setzt er die Unschuld voraus, die nur noch nicht bewiesen ist? Muss nicht die Staatsanwaltschaft seine Schuld beweisen? Wo ist die Heimat eines deutsch-türkischen Journalisten? Will er damit andeuten, dass Yücel ausgewiesen wird, sobald er auf freien Fuß gesetzt wird? Oder will er einfach nur die Wogen glätten?

Noch eine Frage zum Thema: „Werden mit all dem nicht die Touristen verschreckt?“ Antwort: „Es kommt darauf an, dass sie auch durch die Mainstream-Medien vernünftig aufgeklärt werden.“

Echt schwere Aufgabe, wieder mehr Touristen aus Deutschland zu einem Türkei-Urlaub zu bewegen. Auf den Werbeartikeln steht „Türkei – immer wieder schön.“

(Vorsichtshalber der Hinweis: Die wörtlichen Zitate folgen der deutschen Simultanübersetzung.)